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10. Familie

In Kürze

Autoren: Elke Wild, Fiona Lorenz

Inhalt

  • 10.1 Familie im Kontext
  • 10.2 Erziehung in der Familie
  • 10.3 Familie als Lernumgebung
  • 10.4 Familie in der Krise

Worum geht's?

Der Begriff der Familie wird heute zur Kennzeichnung von Partnern oder Einzelpersonen mit Kindern verwendet, die in unterschiedlichsten Konstellationen leben können (für eine Typologie von Familienformen s. Nave-Herz, 2006). Allen diesen Konstellationen ist jedoch gemein, dass sie eine Entwicklungsund Lernumgebung für Kinder darstellen, deren Ausgestaltung nicht im »luftleeren Raum« geschieht. So hängt die Qualität der Familienbeziehungen von Rahmenbedingungen wie der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsangeboten, die mehr oder weniger direkt die Handlungsoptionen und -restriktionen der einzelnen Familienmitglieder beeinflussen, ab. Gleichzeitig prägen aber auch soziokulturelle Bedingungen wie der »Zeitgeist« und gesellschaftlich geteilte Vorstellungen über »gute Erziehung« die Familienbeziehungen, selbst wenn dies den einzelnen Personen oft nicht bewusst ist (► Abschn. 10.1). Kinder brauchen Nahrung, Schutz, Geborgenheit und intellektuelle Anregung, um sich entfalten zu können. Je jünger sie sind, umso mehr sind sie darauf angewiesen, dass diese Bedürfnisse von anderen Menschen, im Regelfall von den Eltern, befriedigt werden. Gerade in den ersten Lebensjahren können daher Unterschiede in der Qualität familialer Entwicklungsumgebungen die intellektuelle und psychosoziale Entwicklung Heranwachsender deutlich prägen. Wie nachhaltig sich frühkindliche Erfahrungen in den Einstellungen, Kompetenzen und biografischen Verläufen junger Erwachsener niederschlagen, ist umstritten. Ergebnisse prospektiver Längsschnittstudien, in denen Familien über 10 Jahre und mehr hinweg untersucht wurden, weisen auf komplexe Wechselwirkungen zwischen überdauernden Eigenschaften des Kindes und der Eltern (z. B. Temperament, negative Emotionalität), elterlichen Erziehungspraktiken, der Partnerschaftsqualität, und der Konfrontation mit kritischen Lebensereignissen (z. B. Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankung eines Elternteils) hin. Wie diese Faktoren »im Normalfall« zusammenspielen und welche Vorhersagekraft ihnen für die psychosoziale Entwicklung zukommt, wird in ► Abschn. 10.2 erläutert. In ► Abschn. 10.3 wird dagegen der Fokus auf die Lern- und Leistungsentwicklung von Kindern und die hierfür maßgeblichen Merkmale familialer Erziehungs- und Sozialisationspraktiken gerichtet. Inwiefern sich kritische Lebensereignisse auf die Eltern-Kind-Beziehung und letztlich auch auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern auswirken, wird schließlich in ► Abschn. 10.4 behandelt.

Zusammenfassung

Die Ausführungen in diesem Kapitel sollten verdeutlichen, dass – ganz im Einklang mit sozialökologischen Modellvorstellungen – makrostrukturelle Bedingungen (z. B. kulturelle Wertvorstellungen, beschleunigter sozialer Wandel, Assimilationsdruck) im Wechselspiel mit sozioökonomischen Faktoren die Ausgestaltung und Funktionalität der Eltern-Kind-Interaktionen beeinflussen. Mit dem innerfamilialen Sozialisationsgeschehen wiederum ist eine entscheidende »Stellgröße« für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung angesprochen. Daraus im Umkehrschluss abzuleiten, dass Eltern grundsätzlich die Verantwortung für kindliche Fehlentwicklungen zuzuschreiben ist, ist gleichwohl unzulässig. Ein solch deterministisches Verständnis verkennt nicht nur die Rolle von Erbanlagen, sondern auch die Bedeutung von Selbstsozialisationsprozessen und bidirektionalen Wirkungen der Eltern-Kind-Interaktion.

Was eine »gute Erziehung« ausmacht, lässt sich vor dem Hintergrund der inzwischen über 50 Jahre hinweg betriebenen Erziehungsstilforschung dahingehend beantworten, dass eine störungsfreie Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen umso wahrscheinlicher wird, je mehr Eltern die für einen autoritativen Erziehungsstil charakteristischen Verhaltensweisen zeigen. So ist es positiv zu bewerten, dass die Voraussetzungen für die Realisierung eines solchen, durchaus anspruchsvollen Erziehungsstils heute in vielerlei Hinsicht besonders günstig sind. Besorgniserregend sind gleichwohl die deutlich steigende Zahl von in Armut lebenden Kindern und der wachsende Erwartungsdruck, unter dem Eltern stehen bzw. unter den sie sich selbst stellen.

Eltern wollen und können nicht nur die psychosoziale Entwicklung ihrer Kinder fördern, sondern nehmen auch auf die intellektuelle und schulische Entwicklung ihrer Kinder in vielfältiger Weise Einfluss. Neben elterlichen Werthaltungen und positiven Einschätzungen der kindlichen Leistungsfähigkeit durch die Eltern sind es gemeinsame lernrelevante Aktivitäten und an den kindlichen Bedürfnissen orientierte Eltern-Kind-Interaktionen, die die Motivations- und Leistungsentwicklung befördern. Bezogen auf das häusliche Lernen im engeren Sinne hat es sich als günstig herausgestellt, wenn Eltern Interesse an schulischen Inhalten und an den schulischen Erfahrungen ihrer Kinder zum Ausdruck bringen, ihren Kindern klare Erwartungen und Standards vermitteln, deren Zuversicht in die eigene Leistungsfähigkeit stärken, Schüler bei der Bewältigung von Misserfolgen emotional unterstützen und der Herausbildung von Selbstregulationskompetenzen Vorschub leisten, indem sie auf kleinschrittige Anweisungen verzichten und die kindliche Verantwortungsübernahme für seinen Lernprozess stärken. Krisen in der Familie können aus kritischen Lebensereignissen (Erkrankung des Kindes oder eines Elternteils) oder aus innerfamilialen Konflikten erwachsen (Trennung, Scheidung). Aus systemischer Sicht werden in allen diesen Fällen Anpassungsleistungen erforderlich, die zumindest vorübergehend das Erleben und Verhalten der Betroffenen beeinträchtigen können. Ob eine Krise erfolgreich gemeistert wird oder langfristige negative Folgen insbesondere für die Persönlichkeitsentwicklung der betroffenen Kinder nach sich zieht, hängt jedoch wesentlich von den jeweils verfügbaren (personalen und sozialen) Ressourcen ab. Dass die Entwicklung von Heranwachsenden, die mit lebensbedrohlichen Erkrankungen oder (wiederholten) Transitionen des Familiensystems konfrontiert wurden, häufig unauffällig verläuft, kann insgesamt als Ausdruck der hohen Anpassungsfähigkeit auch und gerade von Kindern und Jugendlichen interpretiert werden.

Material

In Kürze
Zusammenfassung des Kapitels
Glossar
Die wichtigsten Fachbegriffe schlüssig erklärt
Memocards
Lernen Sie mit unseren Memocards die wichtigsten Begriffe der Pädagogische Psychologie
Memocards Deutsch/Englisch
Man spricht Englisch - zumindest in der Wissenschaft: Hier können Sie die Übersetzungen der wichtigsten Fachbegriffe lernen.
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